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100 Jahre Fingerabdruck

100 Jahre Daktyloskopie in Deutschland

Polizeidirektion Dresden führte im März 1903 die Daktyloskopie ein

Von Karsten Schlinzig

Als Paul Koettig (1856 – 1933) im Jahr 1908 einen Artikel fĂĽr die Ausgabe Nummer 30 der Fachzeitschrift Archiv fĂĽr Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik unter dem Titel „FĂĽnf Jahre Daktyloskopie in Sachsen“ schrieb, konnte man die Zufriedenheit des Dresdner Polizeipräsidenten aus jeder Zeile des eher sachlichen Artikels lesen. Die Daktyloskopie hatte sich im Wesentlichen in Deutschland als sichere Methode der Personen-Identifizierung etabliert. Dass dies in groĂźen Teilen sein Verdienst war, hob der Polizeichef nicht extra hervor. Das wussten damals ohnehin alle Polizei- und Kripochefs in Deutschland und Europa, Koettig war im Deutschen Reich und in Europa ein international anerkannter Experte der Kriminalitätsbekämpfung. Und er war ein Verfechter neuer Methoden in der Arbeit der Kriminalpolizei, welche die Arbeit der Kripo ĂĽber die sächsischen Landesgrenzen hinaus revolutionieren sollten. So fĂĽhrt er als Chef der Dresdner Kripo1 schon 1895 das System der Körpermessung nach Bertillon in Dresden ein. Im September 1896 lädt er alle sächsischen Polizeibehörden nach Dresden ein, um es den Kollegen vorzustellen. Noch auf der Konferenz wird beschlossen, ab sofort in Sachsen alle Straftäter zu vermessen. Die Polizeichefs beauftragen die Polizeidirektion Dresden, als Zentralstelle alle Messkarten mit den KörpermaĂźen von Verbrechern zu speichern. Wenig später wird das System Bertillon im gesamten Deutschen Reich eingefĂĽhrt und eine Zentralstelle in Berlin eröffnet. Koettig tut aber mehr: Er richtet im Polizeigebäude ein photografisches Atelier ein, grĂĽndet eine Kriminalfotothek, eine Steckbrief-Fotothek und eine Diebstahl-Fotothek. FĂĽr die fachliche Aus- und Weiterbildung der Beamten wird eine Lehrmittelsammlung und eine kriminalgeschichtliche Sammlung angelegt, aus der später das berĂĽhmte Dresdner Kriminalmuseum entstehen soll. Was das alles mit der Daktyloskopie zu tun hat? Es ist die Vorgeschichte zur Entscheidung im FrĂĽhjahr 1903, das Fingerabdruckverfahren in Dresden einzufĂĽhren.

Ein Blick noch etwas vor das Jahr 1903: Die Identifizierung von Straftätern, von Leichen und unbekannten Personen war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Problem aller Polizeibehörden geworden. Man suchte nach Möglichkeiten, Personen zweifelsfrei identifizieren zu können. Zweifellos hilfreich war die Erfindung der Photografie, war sie doch im Vergleich zur bis dahin gebräuchlichen Personenbeschreibung ein enormer Fortschritt. Das „Lichtbild“ wurde sehr schnell zum Hilfsmittel der Polizei, konnte die hohen Erwartungen jedoch nicht erfĂĽllen. Es wurde nach weiteren Methoden gesucht und man wurde fĂĽndig. Im Jahr 1879 veröffentlichte der Pariser Polizeibeamte Alphonse Bertillon2 die Grundthesen zu seinem System der Körpermessung. Die Idee war folgende: Das menschliche KnochengerĂĽst bleibt vom 21. Lebensjahr an absolut unveränderlich. Es sei unmöglich, zwei Personen mit vollkommen gleichen Knochendimensionen zu finden. Durch Messung verschiedener Körperteile und deren Registrierung könne man Menschen zweifelsfrei identifizieren. Die „Anthropometrie“ oder „Bertillonage“ war geboren. 1882 bei der Pariser Polizei versuchsweise eingefĂĽhrt, brauchte sie bis zur Jahrhundertwende, um sich europaweit in den Polizeibehörden durchzusetzen. Und sie hatte einen Nachteil: Sie war sehr aufwendig, die Beamten mussten sehr genau messen, das brauchte seine Zeit. Noch in den neunziger Jahren komplettierte dann das Lichtbild die „Bertillon-Karteikarte“. Aber es gehört mitunter zur Tragik epochemachender Erfindungen: Erst setzen sie sich nur langsam durch und nach ihrem Durchbruch haben sie nur kurze Zeit Bestand. FĂĽr das System von Bertillon trifft das in besonderer Weise zu. Noch während es deutschlandweit eingefĂĽhrt wird, eilen die Pioniere der Kriminaltechnik weiter. Fachleute, auch Dresdens Kripochef Koettig, erhalten Kenntnis von dem wesentlich besseren System des Vergleichs der FingerabdrĂĽcke, der Daktyloskopie. Unter den Fachleuten entbrennt der Streit, ob die FingerabdrĂĽcke allein schon ausreichen, einen Menschen zu identifizieren. Bertillon selbst sagte, dass diese „winzigen Fleckchen“ an den menschlichen Fingerspitzen niemals Grundlage eines zuverlässigen Identifizierungsverfahrens sein könne. Welch ein tragischer Irrtum des berĂĽhmten Kriminalisten!

Was hatte es auf sich mit dem „kleinen Fleckchen“ Fingerspitze?  Die Daktyloskopie hat viele Väter: Die Engländer William Herschel, Francis Galton, Henry Faulds, Edward Henry und den argentinischen Polizeibeamten Juan Vucetich. Als erster Europäer nutzte William Herschel (1831 – 1907) als britischer Kolonialbeamter in der Provinz Bengalen in Indien die Daktyloskopie. Er nutze die Papillarlinien im Gefängnis seines Distriktes, um entwichene Gefangene wieder zu erkennen. AuĂźerdem verwendete Herschel den Fingerabdruck bei VertragsabschlĂĽssen und bei der Auszahlung staatlicher Pensionen, um sicher zu stellen, dass verstorbene Anspruchsberechtigte nicht von Dritten vertreten wurden. Zur gleichen Zeit kam Dr. Henry Faulds, der als Arzt in einem Krankenhaus in Tokio tätig war, die Idee, FingerabdrĂĽcke zu vergleichen. Er kam zu der Erkenntnis, dass hier eine Möglichkeit zur Identifizierung von Menschen vorliegen könnte. 1880 veröffentlichte Faulds ĂĽber seine Erkenntnisse einen Artikel in der britische Zeitschrift „Nature“ und empfahl, am Tatort zurĂĽck gelassene Fingerspuren des Täters zu dessen Identifizierung zu nutzen. Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts legte dann der englische Arzt und Anthropologe Francis Galton (1822 – 1911) die Grundlagen fĂĽr die Klassifizierung der Papillarlinien. 1892 veröffentlichte er dazu sein berĂĽhmtes Buch „Finger prints“ in London. Der spätere Präsident von Scotland Yard, Edward Henry (1850 – 1931) hatte sich mit den Arbeiten Galtons vertraut gemacht, entwickelte dessen Klassifizierungssystem weiter und veröffentlichte 1900 ebenfalls in London seine Erkenntnisse in seinem Buch „Classification and uses of finger prints“. Das Verfahren sollte als das „Galton-Henry-Verfahren“ bekannt werden. Am 21. Juli 1901 gab England die Bertillonage auf und beschloss, die gesamte Identifizierung der Straftäter auf das Galton-Henry-Fingerabdrucksystem umzustellen. Noch schneller war Argentinien gewesen. In Buenos Aires kam der Polizeibeamte Juan Vucetich3 ebenfalls auf die Idee, dass jedes Papillarlinienbild einmalig und unveränderlich ist. Er kam unabhängig von Galton auf die gleichen Grundtypen. Bereits 1896 fĂĽhrte Argentinien als erstes Land der Erde die Daktyloskopie als Identifizierungssystem ein.

Es sollte nicht lange dauern, bis der Funke auf den europäischen Kontinent übersprang. Es war schließlich schon einiges bekannt bei Europas Kriminalisten, man las ja die Fachliteratur. Und man traf sich auf Polizeikongressen und Fachtagungen. Im Jahr 1897 fand ein solcher Kongress in Berlin statt, bei dem alle größeren deutschen Polizeibehörden sowie Wien, Budapest, Rotterdam und Bukarest vertreten waren. Thema des Kongresses war die Einführung der Anthropometrie in allen deutschen Bundesstaaten und möglichst vielen Ländern Europas. Nicht anders als heute lernte man sich auf solchen Kongressen kennen, fachsimpelte und tauschte Visitenkarten aus. In der Folge entspann sich über Europa ein Netz von Kontakten und Korrespondenzen. Die Zeit war sehr dynamisch, europaweit suchten die Polizeiexperten nach modernen Methoden der Polizeiarbeit. Da war es hilfreich, gelegentlich seine Erkenntnisse auszutauschen. So ist im Sächsischen Hauptstaatsarchiv eine Akte umfangreicher Korrespondenz zwischen dem Dresdner Paul Koettig und dem Hamburger Kripochef Dr. Gustav Roscher erhalten.

 Das Verdienst, als Erster die Daktyloskopie in Kontinentaleuropa eingefĂĽhrt zu haben, gebĂĽhrt dem Chef des Erkennungsdienstes der k.k. Polizeidirektion Wien, Polizeioberkommissär Kamillo Windt. Nach einer Studienreise zu Edward Henry nach London erwirkt er im Jahr 1902 die EinfĂĽhrung der Daktyloskopie in Wien4. Die erst am 3. April 1898 auf ebenfalls sein Wirken hin eingefĂĽhrte Anthropometrie im zugleich gegrĂĽndeten Wiener Erkennungsamt hatte damit nur kurzen Bestand. Im März 1904 veröffentlichte der spätere Hofrat in Wien gemeinsam mit Siegmund KodiÄŤek ein Lehrbuch mit dem Titel „Daktyloskopie – Verwertung von FingerabdrĂĽcken zu Identifizierungszwecken“. Ebenfalls im Jahr 1902 begann ein Kripochef in Deutschland mit der versuchsweiĂźen EinfĂĽhrung der Daktyloskopie: Paul Koettig in Dresden. Seine Beamten „fingerten“ bereits 1902 festgenommene Verbrecher und legten eine Kartei an. Im März 1903 schrieb er einen Bericht an seine vorgesetzte Behörde, das Königlich Sächsische Ministerium des Innern. Darin schlug er vor, das Fingerabdruckverfahren einzufĂĽhren und eine zentrale Registratur in Dresden einzurichten. Das System Bertillon sollte schrittweise abgeschafft werden. Bereits 1914 zählte die Dresdner Fingerabdruckregistratur 150.000 Abdruckblätter.

Im Jahr 1903 fand in Dresden die erste Deutsche Städteausstellung statt. Zu dieser gehörte, als Kollektivausstellung der Polizeibehörden tituliert, die erste Polizeiausstellung Deutschlands. In dieser am 20. Mai 1903 eröffneten Polizeiausstellung zeigte die Dresdner Polizei ihre erkennungsdienstlichen Einrichtungen5. Neben der Fotografie und Bertillonage wurde der Öffentlichkeit eine Neuigkeit präsentiert: Die Daktyloskopie. Der Altmeister der Daktyloskopie, Dr. Robert Heindl, schreibt dazu in seinem Buch „System und Praxis der Daktyloskopie und der sonstigen technischen Methoden der Kriminalpolizei“ von 1927: „Durch die Ausstellung wurde für das neue System der Fingerabdrücke wirksame Propaganda gemacht. Von allen Seiten Deutschlands kamen Anfragen.“

Der bereits erwähnte Chef der Hamburger Kripo, Dr. Gustav Roscher, führte die Daktyloskopie kurze Zeit später am 1. August 1903 in seiner Behörde ein.

Hier ist nun einiges zu Dr. Robert Heindl (1883 – 1958) zu sagen. Er galt bis in die heutige Zeit als der Vater der Daktyloskopie in Deutschland. In jedem Lehrbuch wird ihm die Rolle des Pioniers bei der Einführung des neuen Systems zugewiesen. Die Rolle Heindl’s muss jedoch für die frühe Phase der Einführung der Daktyloskopie in Deutschland neu definiert werden. Heindl hat ohne Zweifel wesentliche Verdienste auf dem Gebiet des Erkennungsdienstes und der Kriminalistik, an der Einführung der Daktyloskopie hat er keine. Er war jedoch der erste, der ausführlich in Fachbüchern über Methoden des Erkennungsdienstes schrieb und er war natürlich „der“ anerkannte Fachmann. Ein Blick in seinen Lebenslauf genügt jedoch, um die ihm später zugeschriebene Rolle abzuerkennen. Robert Heindl war im Jahr 1902 Jurastudent in München, promovierte 1907 zum Dr. jur. und fuhr zu Studienaufenthalten nach Paris (zu Bertillon) und nach London. 1908 erfolgte seine Ernennung zum Beauftragten für die Organisation der Technischen Einrichtungen der Polizeidirektion München. 1911 rief ihn Paul Koettig nach Dresden und bestellte in zum Kriminalkommissar (mit einem heutigen Dezernatsleiter zu vergleichen). Gemeinsam mit Paul Koettig nahm er am Deutschen Polizeikongress 1912 in Berlin teil, der eine einheitliche Regelung des Erkennungsdienstes in Deutschland zum Ziel hatte. Spätestens ab diesem Jahr galt Heindl als „der“ Fachmann des Erkennungsdienstes. 1914 nahm er als einziger Vertreter Deutschlands am Ersten Internationalen Polizeikongress in Monaco teil, auf dem die Einführung der Daktyloskopie als internationales Identifizierungsmittel beschlossen wurde. Später machte Heindl Karriere im sächsischen Innenministerium, im Auswärtigen Amt in Berlin und als Autor vieler Fachbücher6. Im Jahr 1902 jedoch war er 19 Jahre alt und Student in München. Welchen Einfluss konnte ein 19-jähriger auf Kamillo Windt in Wien, auf Paul Koettig in Dresden und Gustav Roscher in Hamburg gehabt haben? Haben diese anerkannten Fachleute infolge eines „Hinweises“ des Studenten aus München die Daktyloskopie entdeckt? Dies ist zu bezweifeln! Heindl selbst hat sich diese Rolle nie zugesprochen, hat aber auch nie dagegen protestiert. Er hatte 1902 in einem Schreiben an den Chef der Münchener Kriminalpolizei auf die neue Methode aufmerksam gemacht, nachdem er in einer Zeitschrift über deren Anwendung bei den britisch-indischen Behörden gelesen hatte. Doch der Vorschlag kam den Münchener Polizeiexperten wohl zu „indisch“ vor (Heindl).7

Die nahezu synchrone Einführung der Daktyloskopie 1902 und 1903 in Wien, Dresden, Hamburg und Berlin ist eher auf die engen Kontakte der führenden Kriminalisten zurück zu führen. Das die Königliche Polizeidirektion Dresden die erste Polizeidienststelle in Deutschland war, ist einfach den damals günstigen Umständen in Dresden und dem Wirken zweier Männer zu verdanken, dem Dresdner Kripochef Paul Koettig und seinem Polizeipräsidenten Albin Hugo Le Maistre (1839 – 1929).8

Letztlich waren damals viele engagierte Kriminalbeamte und Führungskräfte der Polizei in ganz Deutschland am Siegeszug der Daktyloskopie in die alltägliche polizeiliche Praxis beteiligt. Ihnen gilt unsere Anerkennung und Hochachtung.

1 Paul Koettig (1858 – 1933); 1889 Polizeirat; 1893 Regierungsrat; Leiter der Kriminalabteilung 1894 – 1904;

  Dresdner Polizeipräsident 1904 - 1919;

2 Alphonse Bertillon (1853 - 1914) ab 1880 Leiter des IdentifizierungsbĂĽros der Pariser Polizei

3 Juan Vucetich (1858 – 1925); geboren in Dalmatien, bewirkte 1896 die Einführung der Daktyloskopie in

  Argentinien; schrieb 1901 die Publikation „Conferencia sobre el sistema dactiloscopico“ (La Plata 1901)

4 Katalog des Kriminalmuseum Wien

5 Gotthold Leistner „Die Dresdner Polizei und die Daktyloskopie“; Dresden 2002

6 Die Personalakte des Auswärtigen Amtes zu Heindl liegt im LKA Sachsen vor.

7 Dr. Robert Heindl „System und Praxis der Daktyloskopie und der sonstigen technischen Methoden der

 Kriminalpolizei“ Berlin und Leipzig 1927

8 Albin Hugo Le Maistre (1839 – 1929) Dresdner Polizeipräsident 1893 – 1904; modernisierte die Dresdner

  Kripo und verstärkte sie personell; berief 1894 Paul Koettig zum Kripochef und harmonierte mit diesem  

  ausgezeichnet;