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Das tote Funkenmariechen
von C. S. Merten (1993)  www.csmerten.de

Hütig war 1961 als Dreizehnjähriger von einem Funkenmariechen geküßt
worden. Das Funkenmariechen hatte mitten auf der Straße getanzt. Hütig, der
im Sommer mit seinen Eltern aus Osnabrück zugezogen war und vom Kölner
Straßenkarneval nur eine ungefähre Vorstellung hatte, kam gerade vom
Klavierunterricht. Er blieb stehen und starrte auf die stämmigen Beine des
Funkenmariechens, die in einer bräunlichen Strumpfhose steckten und wie zwei
tropfnasse Frankfurter Würstchen aussahen. Dann war das Funkenmariechen auf
Hütig losgestürmt, hatte den entsetzten Jungen geküßt und dabei seine Zunge
in Hütigs Mund gesteckt.
Seitdem waren weder Frankfurter Würstchen noch Funkenmariechen bei
Hütig sonderlich beliebt. Als es fünfzehn Jahre später in einem Probenraum
der Musikhochschule mit einer jungen Dame fast zu einem ähnlichen Vorfall
gekommen wäre, löste Hütig die Verbindung und warf sich ganz auf das
Orgelspiel, in dem er es in der Zwischenzeit zu einiger Meisterschaft
gebracht hatte. Seinen akademischen Grad dankte er indes einer grundlegenden
Arbeit über Johann Sebastian Bach.

In der Karnevalszeit floh Hütig, wenn ihn seine Engagements nicht
ohnehin in Gegenden führten, die von der fünften Jahreszeit unberührt
geblieben waren, regelmäßig in ein Kurhotel in der Eifel. So auch in diesem
Jahr.
"Wieder im Lande, Herr Professor?" fragte die Empfangsdame und legte
den Zimmerschlüssel auf die Theke. Hütig, der sich für diesmal neben dem
Spaziergehen die Matthäuspassion vorgenommen hatte, nickte geistesabwesend
und schrieb sich in das Gästebuch ein.
Die Tür zu seinem Appartement war nur angelehnt. Als Hütig sie
öffnete, ver-nahm er einen eigentümlichen Geruch. Es war ein süßlicher Duft,
in den sich etwas sehr Strenges mischte. Hütig tastete nach dem
Lichtschalter. Dann stieß er einen Schrei aus und ließ die Mappe mit der
Matthäuspassion fallen.
Auf seinem Bett lag ein Funkenmariechen. Augenscheinlich war es tot,
denn es bewegte sich nicht. Hütig trat vorsichtig näher. Es war eine
großgewachsene Frauensperson mit langen, kräftigen Beinen, welche in einer
bräunlichen Nylonpelle steckten. Das matte Schimmern der Strümpfe rief
schlimmste Erinnerungen in Hütig wach. Außerdem trug das Funkenmariechen eine
blaue Uniformjacke mit silbernen Knöpfen und einen kurzen Plisseerock. Der
Verschluß der weißen Rüschenbluse war in Unordnung geraten und gab den Ansatz
einer schweren Brust frei, welche ihrerseits vom Trägerband eines prallen
Leinensacks geteilt wurde. Aus diesem Sack, der an der Hüfte der Toten ruhte,
waren einige Süßwaren auf die Bettdecke gefallen. Ehe er wußte, was er tat,
hatte Hütig nach einer Lakritzschnecke gegriffen.
Hütig kaute und betrachtete nachdenklich das Gesicht der Toten. Die
Nase stand ein wenig schief und himmelwärts, das Kinn war flach, der Mund
hingegen voll und rot. Die Perücke unter dem albernen Dreispitz war
grobgearbeitet und gewöhnlich, die beiden Zöpfe wirkten eher wie Stroh denn
wie Frauenhaar.
Als Hütig nach einem weiteren Lakritz greifen wollte, erschien ein
weißes Blä-schen zwischen den Lippen der Toten. Hütig zog die Hand eilig
fort. Dann rührte sich das Funkenmariechen. Es hob den Kopf etwas an, wobei
die Perücke und der Hut auf dem Kissen blieben und ein rötlicher Scheitel
sichtbar wurde. Das Funkenmariechen schlug die Augen auf und starrte Hütig
mit glasigem Blick an. Dann ließ es den Kopf zurückfallen und stieß säuerlich
auf. Hütig schlugen Dünste geistiger Getränke entgegen. Offenbar war das
Funkenmariechen nicht tot, sondern nur sturzbetrunken.
"Wo bin isch?" lallte es.
"In der Hölle", sagte Hütig dumpf, nahm den Hut ab und strich sich
über das schwarze Haar, das er ganz zurückgekämmt trug.
Das Funkenmariechen fing an zu weinen.
"Worüm datt dann?"
"Sie haben den Prinzen umgebracht. Erinnern Sie sich nicht?"
"Nä", schluchzte das Funkenmariechen. Und dann schlief es wieder ein.
Hütig kicherte. Er fühlte eine gewisse Erregung. Er zog sich aus und
legte sich neben das betrunkene Funkenmariechen ins Bett.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag das Funkenmariechen noch
immer neben ihm. Hütig stieß es solange mit dem Zeigefinger an, bis es sich
endlich regte.
"Danke", sagte er und steckte sich eine Zigarette an, "danke für die
Nacht. Du warst wunderbar."
Das Funkenmariechen sprang auf, sah sich verwirrt um und schämte sich
sehr. Dann lief es aus dem Zimmer.
Hütig drückte die Zigarette aus, pfiff, während er sich ankleidete,
einige Takte aus Saint?Saëns' "Karneval der Tiere" und ging hinunter zum
Frühstück.
Wenig später soll er eine blutjunge Musikstudentin mit starker Brust
geheiratet haben.

[ Erstsendung WDR 1993 / Alle Rechte beim Autor © C.S. Merten / Bonn ]

 

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